Warum Braunschweigs Dom eine neue Orgel braucht

Der Mann gibt alles. Wir treffen ihn im Dom, mitten im Krippenspiel. Gewusel von Hirten, Engeln, Heiliger Familie. Fromme Dialoge aus beseelten Kindermündern dringen aus den Lautsprechern, heller Gesang zur Orgel. Schon sind wir im Thema. „Na, ja das ist ein Notnagel, eine Truhenorgel, die hat gerade mal vier Register, kein Pedal, keinen Bass“, winkt Gerd-Peter Münden ab. „Kommen Sie!“ Der Domkantor führt den Besucher eiligen Schrittes hinter den Altar ins Seitenschiff. Dort steht das Modell der neuen Chororgel.

Chororgel im Modell
Die beiden Flügel der neuen Chororgel im Modell.   (Foto: Martin Jasper)

Und glänzt. Silberhell. In zwei Teilen, links und rechts neben dem Siebenarmigen Leuchter. Jaja, das weiß er schon, dass dies nicht der erste Artikel sein wird über den erstrebten tönenden Zwilling. Doch Münden drängt. Es eilt. 800.000 Euro soll die Orgel kosten. Der erste Bauabschnitt, ein Orgelflügel und der Spieltisch, beläuft sich auf 480.000 Euro. Zu dieser Summe fehlten dem Dom noch „lächerliche“ 25.000 Euro.

Die will Münden unbedingt bis zum 1. Januar eingeworben haben. Denn: „Wenn das nicht gelingt, erhöht sich der Preis aufgrund gestiegener Lohnkosten um 15.000 Euro.“ Und: „Die Firma, die für uns die Orgel bauen soll, ist sehr gut beschäftigt. Wenn wir es nicht schaffen ihr den Auftrag Anfang Januar zu erteilen, könnte es sein, dass wir erstmal ins Nirwana geschoben werden.“

Spender können Patenschaften für die Frontpfeifen übernehmen, je nach Größe von 2500 Euro bis 10.000 Euro. Wer mehr als 2000 Euro spendet, dessen Name wird auf der entsprechenden Pfeife eingraviert. Münden beschwört uns: „Schreiben Sie: Die großen Pfeifen sind noch offen!“

Na gut. Hiermit geschehen. Aber was bringt jetzt eigentlich dieses neue Instrument noch mal genau? Ästhetisch? Und musikalisch?

Immerhin stellt die Installation ja einen deutlichen Eingriff in das Erscheinungsbild des mittelalterlichen Baukörpers dar. Münden verweist auf den Denkmalschützer, der mit der Beurteilung betraut war. „Das war der strengste, den man sich denken kann. Ich dachte: Da kannst du dir die ganze Sache ja gleich abschminken. Aber der hat uns sogar ermutigt. Er hat argumentiert, dass schon immer die Menschen ihre Kirchen ihrer Zeit gemäß möbliert hätten. Also sollten wir das auch tun, zumal der Dom ja außergewöhnlich leer sei.“

Münden lässt uns durch jene Öffnung ins Modell gucken, welche im Original die große Rosette an der Rückseite ist. Also die genaue Sichtachse durchs Kirchenschiff. Und siehe da: Aus diesem Blickwinkel sieht man die neue Orgel überhaupt nicht! Und wenn man die Sichtachse ein wenig verschiebt, dann erscheinen die geplanten Orgelpfeifen an den Außenseiten der Stützpfeiler wie Engelsflügel. Und glänzen silbern. „Dann spiegelt sich der Dom in der Orgel!“ Im Inneren will Münden die Zwillingsgehäuse zudem… „Nein, schreiben Sie das bitte nicht. Um so stärker wird es wirken, wenn’s fertig ist.“

Der Architekt Lothar Zickermann hat die beiden Gehäuse nicht einander gegenübergestellt, sondern, um je 30 Grad gedreht, dem Siebenarmigen Leuchter zugewandt. Die obere Kante ist jeweils wellenförmig dynamisiert. Münden: „Das war meine Idee. Das habe ich von dem Dach der Elbphilharmonie in Hamburg abgeguckt.“

Alles geschieht aber laut Münden ohne jeglichen Eingriff in die Bausubstanz: „Wenn die Kirchenleute in 200 Jahren den Dom neu möblieren wollen ohne Chororgel, dann können sie das rückstandslos tun.“

Jetzt aber: Was bringt’s musikalisch? Da schwärmt der Kantor vom „Dolby Surround Sound“. Der Trick ist: An drei von vier Seiten der viereckigen Orgelgehäuse wird eine Art Jalousie mit Lamellen angebracht, die sich per Fußdruck öffnen und schließen lassen. Nur die hintere Wand bleibt geschlossen. So kann der Klang stufenlos zielgenau dorthin gesteuert werden, wo er gerade gebraucht wird – für Gottesdienst, Konzert, Taufe.

Für den Chorgesang sei die Orgel mit ihrem „englischen“, weich-pastelligen Klang besonders wertvoll, weil sich für den Hörer ein viel besserer Zusammenklang ergebe. Hinzu komme: „Auch die Sänger können die Orgel besser hören und deshalb sauberer singen. Und weil ich als Kantor vor Orgel und Chor sitze, kann ich auf den Punkt genau die perfekte Lautstärke bestimmen. Bisher sitze ich hinter dem Chor und kann das nur ahnen.“

Was aus Sicht des Kantors bisher zu wenig ins öffentlichen Bewusstsein gedrungen ist: Die neue Orgel wäre insgesamt ein Gewinn für alle Art der Kirchenmusik im Dom. „Kommen sie!“ Der Kantor eilt zur großen Hauptorgel an der Rückseite. Lässt kurz die Pfeifen aufdröhnen durch Mark und Bein. Er könne künftig alle drei elektronisch miteinander verbundenen Orgeln gleichzeitig spielen – von einem Spieltisch aus, sagt er. 57 plus die 31 Register der neuen Orgel. Schön. Aber: Wenn schon eine Orgel derart Alarm macht, sind denn dann drei überhaupt auszuhalten?

„Der Gesamtklang wird eher leiser“, pariert Münden. Denn die große Orgel sei ja so konzipiert, dass sie das gesamte Kirchenschiff durchdringen können müsse. „Damit das vorne ankommt, fallen Ihnen hinten die Ohren ab.“ Das sei nicht zu befürchten, wenn der Raumklang auf drei Instrumente verteilt werde. Im übrigen seien drei Orgeln im Dom keineswegs revolutionär: „Im Mittelalter gab es hier bis zu sechs!“

Online-Artikel der Braunschweiger Zeitung von Martin Jasper am 23.12.2019. Außerdem erschienen als „Raumklang aus silbernen Engelsflügeln“ in der Print-Ausgabe vom 24.12.2019. Mit freundlicher Genehmigung des Verlages.

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